Über 200 Jahre ist es alt. Es ist ein Theaterstück von etwas mehr als 100 Seiten. Es ist Prüfungsstoff für das Abitur in Deutsch 2027 und bereits seit Wochen Thema in allen Deutschkursen der Q1. Wie bringt man heute einen Klassiker der Literatur jungen Menschen nahe und wie inszeniert man ihn zeitgemäß?
Antworten auf diese Fragen fanden die Schülerinnen und Schüler der gesamten Stufe Q1 mit ihren Deutschlehrkräften auf ihrer Theater-Exkursion am 21.01.26 im HORIZONT THEATER in Köln.
Der Inhalt des Stücks ist schnell erzählt: Es geht um den korrupten Dorfrichter Adam, der alles daransetzt, seine eigene Schuld im Gerichtsprozess um den zerbrochenen Krug zu vertuschen. Die Rekonstruktion der Tatnacht klärt jedoch auf, dass er es war, der Eve Rull bei einem nächtlichen Besuch in ihrer Kammer in Bedrängnis gebracht hatte. So stehen bei Kleists Stück die Aspekte Wahrheit und Lüge, Gerechtigkeit, Amts- und Machtmissbrauch und Willkür der Justiz im Zentrum.
Dass diese Aspekte unverändert heute noch Aktualität besitzen, wollte die Regisseurin Christa Nachs mit ihrer Inszenierung im HORIZONT THEATER deutlich machen. Die bei Kleist nur angedeutete Vergewaltigung Eves, die sie in Misskredit in der Gesellschaft bringt, wird in der Inszenierung durch eine Wiederholung dieser Tat in einer Gerichtspause unmissverständlich und quälend deutlich gemacht. Diese Tat steht sinnbildlich für heutige Vorfälle von Gewalt gegen Frauen und das Leid vieler, die Gewalt schutzlos ausgesetzt sind. Institutionen, die Schutz versprechen, versagen und Täter kommen auch oft genug ungestraft davon. Dies ist die unmissverständliche Botschaft der Inszenierung am HORIZONT THEATER.
Die Bühne kommt mit spärlichen Requisiten aus. Umso intensiver wirkt die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler. Sprechstark und gestenreich bringen die Akteure das Stück sehr lebendig auf die Bühne. Nah am Wortlaut des Originals, aber mit eigenen Akzenten, mit Vorausgriffen, Raffungen und dem Kniff, das Stück vom Ende her zu erzählen, gelingt es dem Ensemble, die Botschaft des Stücks aktuell und in kompakter Form auf die Bühne zu bringen. Das kam gut an bei unseren Schülerinnen und Schülern. Den Klassenraum zu verlassen und das Drama einmal „live“ auf der Bühne zu erleben, war eine lohnenswerte Erfahrung dieser Theater-Exkursion.
(Mi)



